Pfingsten – der lebendige Neubeginn –

und das Gefühl mit allem Leben verbunden zu sein

 

Herzlich willkommen, heute möchte ich Sie einladen, mit mir eine weitere Etappe unserer gemeinsamen Reise zu gehen –  einen weiteren Schritt in das Wachstum unseres Bewusstseins.

Aus der Perspektive des Bewusstseins geht auch Pfingsten weit über ein bloßes kirchliches Fest hinaus. Es symbolisiert einen lebendigen inneren Neubeginn, ein Erwachen oder sogar die Erweiterung und Erweckung eines neuen Geistes in uns. Es ist, als würde sich ein anderes Denken entfalten, ein weiter Raum, in dem wir uns selbst als mehr erfahren, als wir glaubten zu sein.

In Verbindung mit der Kraft der Sommersonnenwende steht Pfingsten für einen tiefgreifenden Selbstwandel – weg vom rein egozentrierten Blick hin zu einem ganzheitlichen Erleben, zu dem Gefühl, mit allem Leben verbunden zu sein.

Dieses neue Geistesbewusstsein markiert den Beginn einer vollständigen Transformation und eröffnet uns einen inneren Raum, in dem wir uns geistig wie neu geboren fühlen.

Doch zuvor ein kurzer Rückblick

An Weihnachten erkannten wir den Beginn des Bewusstseins – den Funken des Lichts. Herodes, der das alte, verhärtete Ego verkörpert, steht nun dem neuen Bewusstsein des Mitgefühls gegenüber, das mit der Geburt Jesu in das menschliche Sein eintritt. In Johannes begegnet uns der Suchende auf dem Weg zur inneren Wahrheit – als Übergang zur nächsten Bewusstseinsebene, die mit Ostern beginnt. Hier erwacht die Fähigkeit des Geistes, über das Offensichtliche hinaus zu erkennen.

An Ostermontag beginnt der Weg der Selbstwirksamkeit. Meditation und Achtsamkeit werden zu unseren ständigen Begleitern und dienen als Übungsfelder, die unsere Wahrnehmung und unseren Geist schulen. Durch tägliche Praxis verändert sich allmählich die Struktur unseres Denkens. Der innere Raum der Meditation ist unerlässlich, um die Muster zu erkennen, in denen wir uns bewegen. Dieser selbstreflexive Prozess ermöglicht es uns, unsere Entscheidungen zunehmend an universelle Prinzipien auszurichten.

Mit Pfingsten folgt nun ein weiterer Schritt

Pfingsten markiert den Beginn der dritten Bewusstseinsstufe, die unser Handeln und Sinnen grundlegend verändern wird.  Diese Stufe zeichnet sich durch Erneuerung und den Willen dazu aus. Ihre Vollendung liegt in dem eher unbekannten Fest – der Manisola – auf das wir in Teil vier näher eingehen werden.

Zunächst wollen wir uns jedoch mit dem radikalen inneren Wandel befassen. Dieser zutiefst persönliche Abschnitt der Wachstumskaskade führt dazu, dass all unsere bisherigen Verankerungen ihre Gültigkeit verlieren. Auch wenn wir bereits eine wachsende Zahl von Menschen erkennen, die sich auf die neue Bewusstseinsstufe zubewegen, wird es noch viele Jahre dauern, bis diese Entwicklung das Kollektiv erreicht.

Das Pfingstbewusstsein ist der Beginn einer tiefgreifenden geistigen Transformation, die durch die Erfahrung der universellen Verbundenheit aller Lebewesen geprägt ist. Es ist nicht nur ein emotionales Erleben, sondern eine existenzielle Erkenntnis, dass unser individuelles Bewusstsein untrennbar in einem größeren geistigen Zusammenhang eingebunden ist. Diese Erkenntnis verändert nicht nur unser Denken, sondern unsere gesamte Art, in der Welt zu sein.

Wir beginnen, die verschiedenen Facetten und Perspektiven des Lebens zu durchschauen und erkennen, dass sie subjektiven Wertvorstellungen und Seinsdeutungen unterliegen. Diese Erkenntnis befreit uns von starren Normen und gesellschaftlich konstruierten Werten.  Stattdessen orientieren wir uns zunehmend an der universellen Ethik des Lebens selbst, und Mitgefühl wird zum zentralen Seinsmerkmal. Geistig gereift und im Einklang mit dem Dasein, durchdringen wir die uns prägenden inneren Strukturen und treten in einen Raum des Ganzheitsbewusstseins ein.

Dieses Bewusstsein geht über das geistige Schwingen hinaus, das wir aus der Meditation kennen. Dieses Schwingen, das gleichzeitig „aus“ und „in“ uns ist, strebt danach, Gestalt anzunehmen und sich zu materialisieren.  Die Natur bietet uns dafür zahlreiche Beispiele. Ein Samen entwickelt sich zu einer Knospe und schließlich zu einer Blüte, die ein neues Bewusstsein symbolisiert. Die Frucht stellt das reife Stadium dieser Entwicklung dar und wird mit anderen geteilt. Der daraus entstehende neue Same setzt den Impuls für einen weiteren Neubeginn. So erneuert sich das Leben fortwährend aus sich selbst heraus und es lehrt uns, uns selbst auch diesem Fluss der ewigen Erneuerung hinzugeben.

So erwacht ein inneren Licht

„Der dritte Bewusstseinszustand, oft als Christus- oder Jesus-Bewusstsein bezeichnet, markiert eine tiefgreifende Transformation, die fundamentale Veränderungen im menschlichen Wesen bewirkt.“

Die aus Überlieferungen benannten zwölf Kräfte, die das Leben ordnen und eine geistige Transformation bewirken, werden in ihrer Symbolik erkannt. Sie zeigen sich als Wunder, Heilungen oder als Erwachen aus dem Traum der illusorischen Welt unserer geistigen Vorstellungen. Innerlich betrachtet stehen sie für Veränderungen im Herzen, im Denken, im Körpererleben und in der Wahrnehmung der Welt.

In unserem Transformationsbild sind zudem fünf zentrale Figuren aus der christlichen Überlieferung abgebildet, die symbolisch die verschiedenen Bewusstseinsstufen der menschlichen Entwicklung repräsentieren. Jede dieser Figuren verkörpert nicht nur ein historisches Ereignis, sondern auch eine archetypische Erfahrung, die im Menschen selbst widergespiegelt wird.

Maria verkörpert den Beginn der Wandlung und steht für Empfänglichkeit und die Bereitschaft, Neues aufzunehmen, ohne den genauen Weg zu kennen. Weihnachten symbolisiert daher die Geburt eines inneren Potenzials.

Johannes der Täufer verkörpert den Weg des Erwachens, der die Zeit von Ostern bis Pfingsten umfasst. Er steht für den Ruf zur inneren Umkehr, zur Klärung und zur ehrlichen Selbsterkenntnis. Die Taufe symbolisiert das bewusste Loslassen alter Muster und überholter Identifikationen, um den inneren Raum zu schaffen, aus dem heraus der nächste Schritt möglich wird. Er verkörpert ein Brückenbewusstsein, den Weg zu einer echten Weiterentwicklung.

Die Ostererfahrung ist tief mit Jesus Christus verbunden und stellt den eigentlichen Durchbruch dar. Sie markiert die radikale Transformation zum Christusbewusstsein – einem Zustand, der über das Ich-Zentrierte hinausgeht und sich als Ausdruck von Liebe, Mitgefühl und Einheit erkennt.

Mit Pfingsten beginnt das Wirken dieses Bewusstseins. Petrus trägt es stellvertretend in die Gemeinschaft – als Vision eines neuen Miteinanders, das nicht in sich geschlossen, sondern weltbezogen weit ist. Diese Weltbezogenheit bringt immer wieder Unsicherheiten und Zweifel mit sich. Petrus steht daher auch für den inneren Weg, auf dem Zweifel nicht verdrängt, sondern durchlebt werden und sich dabei stets in Mut und Freude an Verantwortung verwandeln. Petrus verkörpert ein weiteres Brückenbewusstsein, das den Weg zur universellen Reife symbolisiert.

Die Reifung dieses Weges zeigt sich in der Integration und ist symbolisch mit Maria Magdalena verbunden. Sie verkörpert eine tiefe Herzensweisheit – die stille Vereinigung von Geist und Leben. Sie repräsentiert ein Bewusstsein, das nicht mehr sucht oder beweist, sondern einfach das lebt, was es erkannt hat.

In unserer Symbolik entspricht dies dem weniger bekannten Zustandsraum der Manisola: dem Seins-Zustand, in dem das Erkannte selbstverständlich im Alltag verankert ist und nicht durch Worte, sondern sich durch das SoSein verbreitet.

Werfen wir nun einen tieferen Blick auf die innere und äußere Ordnung der Lebenskräfte

Die Zahl zwölf nimmt in unserem Kalender, in der Zeitrechnung und in den Tierkreiszeichen eine zentrale Stellung ein und symbolisiert eine innere Ordnung.  Diese Ordnung spiegelt sich auch in den zwölf Kräften des Christusbewusstseins wider, die den zwölf Aposteln zugeordnet sind. Jeder Apostel verkörpert eine universelle Kraft des Menschseins, wie Güte, Weisheit, Vertrauen oder Loyalität.  Diese Kräfte entfalten sich, wenn wir unser egozentrisches Denken überwinden und uns dem Mitgefühl, der höchsten Form der Liebe, zuwenden.  Die Apostel sind somit nicht nur historische Figuren, sondern vielmehr Symbole für die ganzheitlichen Kräfte, die in jedem Menschen reifen, wenn das Christusbewusstsein, die dritte Bewusstseinsstufe, erwacht.

In dieser Phase werden Berufungen deutlich und fordern uns heraus. Menschen, die sich dem Kümmern, Lehren oder Pflegen widmen, handeln aus einem tiefen Impuls heraus. Es unterscheidet sich klar vom Helfersyndrom oder Opferdasein, die beide als missverstandenes Dienen zu deuten sind. Es ist wichtig, den Unterschied der inneren Motivation hervorzuheben, da diese beiden Motivationen dem EGO-Zentrierten Bewusstsein entspringen, das immer etwas haben will.

In der gereiften 3. Bewusstseinsstufe tritt das EGO jedoch in den Hintergrund, während ein Ich-Bin an Bedeutung gewinnt. Es weiß um seine Wirksamkeit, dass sich dem Gemeinwohl verschreibt und nur durch Gestaltung an Kraft gewinnt. Allmählich entsteht ein wahrhaftiger Mensch, der sich von der Wandlungskraft einer universellen Liebe getragen weiß.

Das lebendige Feld des Geistes

Das erwachte Pfingstbewusstsein zieht sich nicht aus der Welt zurück und sein Wissen will geteilt werden. Es öffnet sich und fließt als kollektive Kraft in die Welt hinein. Es gleicht einem geistigen Feld, das über alle Sprachbarrieren hinweg verstanden wird – vielleicht als Sprache des Herzens, im Geist der Liebe. Verbale Verständigung ist dabei nicht immer notwendig. Wir kennen solche besonderen Begegnungen, in denen kein Wort gesprochen wird und doch alles gesagt ist – Momente, in denen wir uns geborgen und getragen fühlen.

Gemeint ist nicht der Zustand einer temporären Verliebtheit, sondern ein Raum von stiller Präsenz, der in uns selbst zu entstehen scheint und dessen Bewegung wir auch im Außen wahrnehmen. Was wir in solchen Momenten nur erahnen können, spiegelt sich im Bild des Pfingstgeschehens wider. Es ist etwas Geistvolles, das um uns herum wahrnehmbar wird.

Während Ostern die Auferstehung des Geistes symbolisiert, steht Pfingsten für seine Ausbreitung. Die weißen Tauben sind eine treffende Metapher für diese Ausbreitung, da sie sich über weite Entfernungen hinweg verbreiten.  Es ist der Beginn der Erkenntnis, dass unser individuelles Bewusstsein Teil eines größeren geistigen Feldes ist. Der Einzelne wird zum Kanal einer universellen Wahrheit und erlangt die Fähigkeit, schöpferisch aus dem Geist heraus zu handeln und mit anderen in tiefer Resonanz zu stehen. Somit schließt sich der Kreis: Was im Inneren erwacht, wird zur lebendigen Kraft im Miteinander.

Zum guten Schluss

Der gesamte Weg entfaltet sich als Entwicklungsbogen, der von der inneren Geburt über Selbsterkenntnis und Transformation hin zur gemeinschaftlichen Wirksamkeit und schließlich zur gelebten Einheit führt. Dieser Prozess vollzieht sich gleichermaßen durch Selbst- und Seinserfahrung. Es ist keine Rennstrecke, sondern eine Reise zu unserem wahren Kern, auf der wir auch mal straucheln, stolpern und Pausen einlegen dürfen.

Vielleicht entwickeln wir uns zu einer Menschheit, die lernt, mit dem Geist zu sehen und mit dem Herzen zu handeln.  In diesem Entwicklungsbogen zeigt sich wahre Bewusstseinsreife darin, dass Selbsterkenntnis in gelebtem Mitgefühl und verantwortungsvollem Handeln mündet.

Ich wünsche Ihnen frohe und erkenntnisreiche Pfingsten, wo immer Sie sind, sind Sie doch ein Teil von allem. Machen Sie es gut, so gut sie können und vielleicht hören sie wieder rein, wenn im Sommer die gereifte Bewusstseinsstufe in der „Manisola“ ihre Vollendung findet.

 

 

Copyright © Marion Hötzel, März 2026

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