Ostern
als nächste Etappe des Bewusstseins
Ostern als nächste Etappe
Einen wunderschönen guten Tag. Mein Name ist Marion Hötzel und heute gehen wir auf eine Reise, die weit über das hinausgeht, was wir gewöhnlich mit Ostern verbinden. In einer Zeit, in der technologische Übermacht und innere Ohnmacht oft im Widerspruch stehen, suchen viele von uns nach Sinn und Orientierung im Außen. Doch nach innen zu schauen ist uns meist fremd und häufig auch unvertraut.
Ich möchte ich Sie einladen, Ostern nicht nur als historisches Ereignis zu betrachten, sondern als Ihren ganz persönlichen Wendepunkt. Manchmal fühlt sich doch das Leben wie eine zu eng gewordene Haut an und das ist ein Zeichen dafür, dass etwas in uns reifen und sich verwandeln will. Diese Enge ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern der Beginn einer inneren Metamorphose. In diesem Sinn steht Ostern für den Moment, in dem wir die harte Schale unseres begrenzten Daseins sprengen und in eine neue Dimension unseres Menschsein eintreten …
Fangen wir also an – mit dem Rhythmus des Erwachens und der Frage, wie unsere spirituellen Feste als Landkarte für diese Entwicklung dienen können.
Zuvor ein kurzer Rückblick
Weihnachten war die Zeit der Vorbereitung, der stille Beginn. In der tiefsten Dunkelheit des Winters, verborgen und unscheinbar, entzündete sich ein Funke reiner Präsenz in uns. Es war das erste Erwachen des Bewusstsein – das leise Erkennen: „Ich bin hier, und in mir lebt etwas Größeres.“
Dieser Funke in uns, war jedoch noch sehr zart und benötigte Zeit und Raum, um seine volle Kraft zu entfalten. Das Unendliche trat in das Endliche ein – Bewusstsein wurde zu Materie. Sinn nahm Gestalt in der Form des „Ich will“ an und die Figur des „herrischen Herodes“ verkörperte diese kraftvolle und egozentrische Seite des Egos vortrefflich.
Doch nun betritt „Johannes der Täufer“ die Bühne des Bewusstseins und steht für den Weg und die nach innen gerichtete Sinnsuche. Er symbolisiert den Beginn des erwachten Bewusstseins und eröffnet den Kreis der Versöhnung der an Ostern stattfinden wird. Es ist die Versöhnung mit unserem ganz persönlichen Dasein, dem Leid und aller Schuld, die uns darin traf. Aus phänomenologischer Sicht bedeutet dies die vollständige Anerkennung unserer persönlichen Geschichten. Ganz gleich, was auch immer geschehen ist, es wird nach der Versöhnung dem spirituellen Vergessen überlassen.
Erst mit dem Vorgang des Vergessens kann sich ein Mensch auf den Weg der Wahrheitssuche begegnen. Er wandert durch die Wüste seines Lebens, erkennt die Begrenztheit des Äußeren und sehnt sich nach dem Wesentlichen. Die Begegnung von Johannes und Jesus am Jordan ist die Metapher dafür. Johannes erkennt durch Jesus, dass da ein Bewusstsein auf ihn zukommt, das weit über seine bisherigen Grenzen hinausreicht. Die Taube, die sich auf Jesu Haupt niederlässt, steht für die Erweiterung dieses Bewusstseins.
Ostern trägt den Mut der Verwandlung in sich und mit dem Frühling beginnt der Zyklus der Erneuerung
Ostern markiert den entscheidenden Wendepunkt – den Übergang von einem Leben des bloßen Überlebens hin zu einem Leben aus der Fülle des Geistes. Wenn Weihnachten die Geburt einer neuen Idee ist, dann ist Ostern der Moment, in dem diese Idee auf unsere alten Muster trifft. Jeder kennt das Gefühl, wenn das Leben zu eng wird – etwas Altes stirbt, aber das Neue noch nicht sichtbar ist.
Ostern ist der Augenblick, in dem das innere Licht die Schale des Egos durchbricht. Was uns einst schützte, wird nun zur Begrenzung und der Weg der Befreiung, führt immer erst durch den Schmerz. Den Schmerz nicht zu sein, wie man dachte zu sein, den Schmerz zu erfahren nicht geliebt zu werden, so wie man ist und den Schmerz verlassen zu werden und allein zu sein.
Karfreitag steht für den tiefsten Punkt der Wandlung
– den Moment, in dem das Alte stirbt, damit das Neue geboren wird. Er steht auch für die Dornenkrone als Synonym für den Spott der Gesellschaft.
In der christlichen Symbolik ist es der Tag des Kreuzwegs, der Leidensweg, der durch Schmerz, Spott und Einsamkeit führt. Doch dieser Weg ist weit mehr als ein religiöses Bild – er ist eine zeitlose Metapher für die menschliche Erfahrung in einer Welt, die viel oft das Äußere über das Innere stellt. Der Kreuzweg beschreibt nicht nur das Leiden eines Einzelnen, sondern den Prozess, den jeder Mensch durchläuft, wenn er sich gegen den Strom der gesellschaftlichen Erwartungen stellt.
In der modernen Welt, in der Erfolg, Effizienz und Perfektion als höchste Werte gelten, wird derjenige, der Mitgefühl, Verletzlichkeit und spirituelle Tiefe zeigt, schnell zum Ziel von Spott und Missachtung. Der Kreuzweg wiederholt sich heute in anderer Form – in den subtilen Mechanismen sozialer Ausgrenzung, in der digitalen Öffentlichkeit, in der Menschen gnadenlos verurteilt werden.
Wer heute den Mut hat, anders zu denken, sich für Menschlichkeit einzusetzen oder die Stimme für das Unbequeme zu erheben, trägt sein Kreuz sichtbar. Der Spott der Menge ist nicht mehr das Rufen auf den Straßen Jerusalems, sondern das anonyme Urteil in Kommentarspalten, das Lächeln der Überheblichkeit oder das Schweigen derer, die sich nicht positionieren wollen. Der Kreuzweg zwingt uns, uns selbst zu begegnen. Er zeigt, dass wahre Transformation nicht im Beifall, sondern im Alleinsein geschieht.
Aus dieser Perspektive ist der Kreuzweg kein Zeichen einer Niederlage, sondern die Auferstehung eines neuen Bewusstseins. Er erinnert uns daran, dass jeder Schritt durch Schmerz und Missverständnis ein Schritt in Richtung Wahrhaftigkeit ist. Wer die Welt erträgt wie sie ist, ohne sein Herz zu verhärten, verwandelt Leid in Mitgefühl und Ohnmacht in Stärke. So wird Karfreitag zum Spiegel unserer Zeit: Er zeigt, dass wahre Menschlichkeit dort beginnt, wo wir bereit sind, uns verletzlich zu zeigen – und beschreibt das Aufwachen in einer Welt, die viel leichter verurteilt, als versteht.
Das Ego feiert demnach an Karfreitag einen scheinbaren Sieg über das Sein. Denn durch seine egozentrische Art, die Welt zu sehen, entgeht ihm die Wandlung, die sich stets hinter dem Offensichtlichen vollzieht. Die Raupe, die sich in den Kokon zurückzieht, um zum Schmetterling zu werden, muss sterben, damit der Schmetterling geboren werden kann, und Karfreitag ist der symbolische Tod des alten Ichs – die Konfrontation mit Schmerz, Verlust und gesellschaftlichem Spott.
Doch gerade in dieser Verletzlichkeit liegt die wahre Stärke. In dem Moment, in dem wir erkennen: „Ich bin nicht das Leid, sondern der, der es erfährt“, beginnt die Befreiung. Das Bild Jesu, alleingelassen am Ort des Todes, ist das Zeichen für den Moment der Befreiung und führt uns in die Stille des Karsamstag.
Karsamstag steht für den geheimnisvollen Zwischenraum zwischen Tod und Auferstehung– eine Zeit, in dem alles Äußere verstummt
Nach dem Schmerz und der Erschütterung des Karfreitag bleibt nur mehr Leere. Diese Leere ist nicht nur ein Übergang, sondern eine existentielle Erfahrung, die uns über die Grenzen unseres Egos, in die Todesstille des Alleinseins führt. Es ist die Stille des Wartens, kein Trost, kein Wort, kein Licht. Jeder weiß, wie sich diese Stille anfühlt und wie fast unaushaltbar sie ist.
Der deutsche Philosoph Martin Heidegger beschreibt diesen Zustand als das „Sein zum Tode“ – die Erkenntnis darüber, dass wir in unserem Innersten völlig allein sind. In dieser Todesstille erkennen wir, dass kein Besitz, keine Beziehung, keine Leistung uns über diese Grenze hinweg tragen kann. Alles, was wir im Außen festhalten, verliert seine Bedeutung. Wir nehmen uns als völlig nackt wahr – ohne Rollen, ohne Masken, ohne Sicherheiten.
Diese Erfahrung des Alleinseins ist schmerzhaft, aber zugleich ist sie der Beginn einer tiefen Wandlung. Denn in dem Moment, in dem wir nichts mehr haben, was uns stützt, öffnet sich ein Raum, in dem wir uns selbst in unserer wahren Essenz begegnen. Die Stille des Karsamstag ist kein leeres Nichts, sondern der Beginn des Werdens – der Ort, an dem das Neue in uns heranreift. Wie ein Samenkorn, das in der Dunkelheit der Erde zerfällt, um neues Leben hervorzubringen, so löst sich auch unser altes Selbst in dieser Stille auf. Wir erfahren, dass wir nicht getrennt sind, sondern Teil eines größeren Ganzen. Doch um das zu erkennen, müssen wir zuerst durch die Erfahrung der inneren Einsamkeit gehen.
Heideggers Gedanke führt uns zu einer tiefen Wahrheit: Diese Todesstille ist kein Ende, sondern der Ursprung einer neuen Bewusstseinsform. Wer sie aushält, erfährt, dass aus der Angst vor dem Nichts Vertrauen in das Sein erwächst und aus der Einsamkeit Verbundenheit entsteht.
So wird der Karsamstag zum heiligen Raum der inneren Wandlung – zur Schwelle zwischen dem, was vergeht, und dem, was ewig bleibt. In dieser Stille, in der wir erkennen, dass wir im Innersten allein sind, beginnt das wahre Leben – unscheinbar und doch getragen von unendlicher Tiefe.
Mit der Auferstehung am Ostersonntag,
durchbricht eine neue Erkenntnis unser Bewusstsein, und wir beginnen, die Welt mit frischen Augen zu sehen. Die „Auferstehung“ ist in diesem Sinn keine äußere Begebenheit, sondern eine innere Entscheidung – die Entscheidung zur Eigentlichkeit, wie Heidegger sie beschreibt: das selbstverständliche, unverstellte Sein. In dem Moment, in dem wir unsere Endlichkeit annehmen, entsteht eine neue Form von Ehrlichkeit – eine, die uns nicht mehr zwingt, Rollen zu spielen oder Erwartungen zu erfüllen, sondern uns erlaubt, wahrhaftig zu sein. Diese Erkenntnis verändert alles …
Eine fundamentale Gewichtsverlagerung findet statt: von der Schwere der Materie hin zur Leichtigkeit des SEINS. Das wahre Selbst erkennt, dass es über die Schale des Körpers, den Spott der Gesellschaft und sogar über den Tod des Verstandes hinaus existiert. Die Welt erscheint plötzlich heller, klarer und ist durchdrungen von Sinn.
Die Schwere des Kreuzes verwandelt sich in die Weite des Fliegens – das Symbol des Ostereis verdeutlicht diesen Prozess auf einfachste Weise: Das Küken muss die harte, begrenzende Schale durchbrechen, um in eine neue Dimension des Seins hinauszuwachsen.
So erkennen wir in Ostersonntag den Prozess der Befreiung – ein Übergang von der bloßen Freiheit, hin zu Wirksamkeit, die der Ostermontag verdeutlichet. Erst wenn wir innerlich erlöst sind, können wir wirklich selbstwirksam werden. Der Unterschied zwischen „Nicht werden, sondern Sein“ ist gewaltig. Wirkliches Wachstum entsteht nicht durch das Anhäufen von Wissen, sondern durch das Loslassen von allem, was uns nicht mehr entspricht.
Ein Mensch, der diese Leichtigkeit gefunden hat, kann nicht länger unsichtbar bleiben. Die gewonnene Freiheit drängt ihn zur Tat, zur Mitgestaltung, zur schöpferischen Wirksamkeit. Denn wer die Begrenztheit des Lebens erkannt hat, spürt zugleich den tiefen Wunsch, Spuren zu hinterlassen – nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Liebe zum Leben selbst.
Ostermontag, an dem Jesus auf seine Jünger trifft, steht hier für die „Frohe Kunde“ über den Sieg des Leides und das weitertragen dieser Erkenntnis
So wird Ostern zum Sinnbild einer inneren Revolution: Wir steigen aus der Enge des Egos in die Weite des Bewusstseins. Wir erkennen, dass Auferstehung kein einmaliges Ereignis ist, sondern ein fortwährender Prozess – eine Einladung, uns für unsere eigene „Auferstehungspower“ zu entscheiden. Immer wieder das Alte und Gewohnte abzustreifen, um dem Leben in seiner ganzen Tiefe entgegen zu gehen. Wer seine persönlichen Ängste überwunden hat und die Stille des Wartens ertragen kann, trägt ein Licht in sich, das die Welt heller und menschlicher macht.
Der Osterhase und das Osterei sind kraftvolle Symbole für Auferstehung und neues Leben: Während das Ei das Grab versinnbildlicht, aus dessen Enge wir uns befreien, verkörpert der Hase den nötigen Mut und die Achtsamkeit, um dieses neue Leben bewusst zu gestalten.
Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, diesen Gedanken zu folgen, denn das ist nicht selbstverständlich. So wünsche ich Ihnen von Herzen einen wachen Geist, ein offenes Herz und ein wunderschönes buntes Osterfest.
In diesem Sinne frohe Ostern aus dem ZENtrum-Mondsee!
Copyright © Marion Hötzel, März 2026
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