Das Namenlose

Über das Bewusstsein von Sein und Werden

Wenn der Name Gestalt annimmt - Vom namenlosen Sein zum gelebten Ich. 

Haben Sie sich schon mal mit Ihrem Namen beschäftigt? Und zwar ausserhalb dessen was wir an herkömmlichen Bedeutungen dazu finden. „Vielleicht mit seinem tieferen Sinn – mit der Frage, ob sich in ihm etwas von unserem ureigenen Wesen, dem Namenlosen in uns, widerspiegelt.“ 

Noch bevor wir unseren Namen kennen, werden wir mit ihm gerufen. Andere haben ihn für uns gewählt. Andere sprechen ihn aus, lange bevor wir verstehen können, dass dieses Wort uns meint. Zunächst ist unser Name vermutlich nicht mehr als ein Klang inmitten vieler anderer Klänge. Doch dieser Klang kehrt wieder. Er nähert sich uns durch vertraute Stimmen, verbindet sich mit Blicken, Berührungen und Stimmungen.

Mein Name ist Marion Hötzel und ich leite die Schule für Neuroaktive Meditation in Mondsee bei Salzburg in Österreich. Und heute möchte ich dieses Thema, mit dem wir doch alle irgendwie auch beladen sind, mit Ihnen beleuchten.

So werden wir gerufen – und beginnen, uns gemeint zu fühlen.

Vielleicht liegt hier eine der frühesten Bewegungen unseres „Ichwerdens“. Darin, dass wir nicht aus uns selbst heraus sagen: „Ich bin“, sondern darin, dass jemand uns anspricht. Bevor wir uns selbst erkennen, werden wir bereits erkannt. Bevor wir uns selbst einen Namen geben könnten, sind wir bereits benannt.

Unser Name kommt aus der Welt auf uns zu.

Am Anfang wissen wir noch nicht, dass wir dieser Name sein sollen. Wir sind einfach da. Wir atmen, empfinden, reagieren auf Wärme und Kälte, auf Nähe und Entfernung. Unser Erleben kennt noch keine zusammenhängende Geschichte. Es kennt diesen Augenblick, diesen Körper, diese Stimme, dieses Berührtwerden.

Wir könnten sagen: Bevor wir jemand werden, sind wir. Nicht in einem gedanklichen oder metaphysischen Sinn, sondern als unmittelbare, noch kaum unterschiedene Gegenwart. Ein Sein, das sich selbst noch nicht benennt.

Dann tritt der Name hinzu

und im Klang des Namens entsteht eine Form

Unser Name ist zunächst eine Form ohne eigenen Inhalt. Doch er bleibt nicht leer. Mit jedem Aussprechen verbindet sich etwas mit ihm.

Wird unser Name liebevoll gerufen, kann er Nähe bedeuten. Fällt er ungeduldig, trägt er vielleicht Anspannung in sich. Manchmal kündigt er Anerkennung an, manchmal eine Forderung, eine Ermahnung oder einen Rückzug. Noch bevor wir die Bedeutung der Worte verstehen, nehmen wir ihren Tonfall wahr. Unser Körper hört mit. Unser Nervensystem antwortet.

So sammelt unser Name Erfahrungen. Er wird zu einem Gefäß für Beziehung. In ihm lagern sich Blicke, Erwartungen und Stimmungen ab. Er verbindet sich mit dem Gefühl, willkommen zu sein – oder sich anpassen zu müssen. Mit der Erfahrung, gesehen zu werden – oder um Sichtbarkeit ringen zu müssen. Mit der Gewissheit, dazugehören zu dürfen – oder mit der frühen Sorge, den Platz im Leben verlieren zu können.

Wenn unser Name gerufen wird, antwortet deshalb nicht nur unser Verstand. Manchmal antwortet auch etwas viel Älteres in uns.

Vielleicht kennen wir solche Augenblicke: Jemand spricht unseren Namen in einem bestimmten Ton aus, und noch bevor wir wissen, was geschehen ist, zieht sich etwas in uns zusammen. Oder wir hören unseren Namen aus dem Mund eines vertrauten Menschen und spüren, wie sich unser Innerstes öffnet.

Der Name ist dann nicht bloß ein Wort. Er ist zu einer leiblich empfundenen Wirklichkeit geworden.

Wie wir zu jemandem werden

Mit der Zeit lernen wir: Dieser Name meint mich.

Wir drehen uns um, wenn er gerufen wird. Wir erkennen ihn auf einem Blatt Papier. Wir beginnen, ihn selbst auszusprechen. Irgendwann sagen wir: „Ich heiße …“ und später vielleicht, fast unmerklich: „Ich bin …“

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine bedeutsame Verschiebung.

„Ich heiße“ spricht noch von einem Namen, den wir tragen. „Ich bin“ verbindet den Namen bereits mit unserem Sein. Aus einer Bezeichnung wird eine Identität. Aus dem Gerufenwerden entsteht ein Jemand.

Dieser Jemand bildet sich nicht allein aus sich selbst heraus. Wir erfahren, wer wir sind, zunächst in der Resonanz anderer. Wir begegnen uns in ihren Blicken, ihren Antworten, ihrer Zuwendung und ihren Erwartungen. 

Was in unserer Umgebung willkommen ist, können wir leichter in unser Selbstbild aufnehmen. Was abgelehnt, übersehen oder beschämt wird, bleibt möglicherweise im Verborgenen.

Wir hören Sätze wie:

„Du bist so vernünftig.“

„Du bist empfindlich.“

„Du bist schwierig.“

„Du bist stark.“

„Auf dich kann man sich verlassen.“

Vielleicht waren diese Aussagen ursprünglich nur auf bestimmte Situationen bezogen. Doch wenn sie sich wiederholen, verbinden sie sich mit unserem Namen. Eine einzelne Erfahrung wird zu einer Eigenschaft, die Eigenschaft zu einem Bild, und aus diesem Bild kann schließlich eine unbewusste Verpflichtung entstehen.  Wir versuchen dann, der Mensch zu bleiben, für den wir gehalten werden, und der Name beginnt, eine innere Gestalt anzunehmen.

Der Name als verdichtetes Selbstbild

Im Laufe unseres Lebens sammelt sich immer mehr um unseren Namen. 

Unsere Herkunft gehört zu ihm, unsere Beziehungen und Trennungen, unsere Entscheidungen, Erfolge und Versäumnisse. Auch das, worauf wir stolz sind, und das, wofür wir uns schämen, wird Teil dieser Verdichtung.

Wenn wir unseren Namen hören, hören wir daher niemals nur einige Buchstaben. Wir hören, bewusst oder unbewusst, auch unsere Geschichte.

Unser Name wird zum Träger einer zeitlichen Kontinuität. Das Kind, das wir waren, der junge Mensch, zu dem wir wurden, und der Erwachsene, der wir heute sind, tragen denselben Namen. Dabei hat sich nahezu alles verändert: unser Körper, unsere Wahrnehmung, unsere Beziehungen, unser Wissen und vieles von dem, was wir einmal für unumstößlich hielten.

Der Name hält etwas zusammen, das fortwährend im Wandel ist.

Ohne diese Form könnten wir kaum Verantwortung übernehmen, Beziehungen verlässlich gestalten oder unser Leben als zusammenhängende Geschichte erfahren. Wir brauchen ein Ich, das sagt: Das habe ich erlebt. Das habe ich getan. Dazu stehe ich. Diesen Weg möchte ich gehen.

Der Name ist keine Täuschung, die wir überwinden müssen; er ist eine wesentliche Facette unseres Menschseins.  Eine Täuschung entsteht jedoch dann, wenn wir diese Facette mit unserem gesamten Sein verwechseln.

Wenn der Name ein Eigenleben entwickelt

Unser Name ist nicht nur unser; er hallt in Dokumenten, Nachrichten und Erinnerungen wider. Andere sprechen ihn aus, auch wenn wir nicht anwesend sind. Mit unserem Namen verbinden sie ein Bild von uns – vielleicht Bewunderung, Enttäuschung, Vertrauen, Nähe oder auch Abwehr.

In diesem Sinn entwickelt unser Name tatsächlich ein Eigenleben.

Er bewegt sich durch die Welt und trägt Geschichten, über die wir nur teilweise verfügen. Es gibt uns im Erleben anderer auf eine Weise, die wir nicht vollständig kennen und niemals ganz kontrollieren können. Gleichzeitig entsteht auch in uns eine Vorstellung von der Person, die diesen Namen trägt. 

Wir wissen oder glauben zu wissen, wer wir sind. Wir kennen unsere Eigenschaften, unsere Möglichkeiten und unsere Grenzen. Wir sagen:

„So bin ich eben.“

„Das konnte ich noch nie.“

„Das passt nicht zu mir.“

„Ich muss stark sein.“

„Ich darf niemanden enttäuschen.“

Solche Sätze geben uns Orientierung. Doch sie können auch zu unsichtbaren Grenzen werden. Wir erleben dann nicht mehr unvoreingenommen, was sich im gegenwärtigen Augenblick zeigt. Wir prüfen die Erfahrung daran, ob sie zu unserem vertrauten Selbstbild passt.

Vielleicht taucht eine ungewohnte Zärtlichkeit auf, doch wir halten uns für nüchtern. Vielleicht spüren wir Erschöpfung, aber unser Name ist mit Verlässlichkeit verbunden. Vielleicht möchten wir uns zurückziehen, während unser Selbstbild verlangt, für andere da zu sein.

So kann zwischen dem lebendigen Erleben und der Gestalt unseres Namens eine Spannung entstehen. Wir leben dann nicht mehr ausschließlich aus dem, was jetzt wahr ist, sondern wir beginnen, einer Vorstellung von uns selbst zu entsprechen.

Die phänomenologische Wendung

Meditation eröffnet hier die Möglichkeit, diese Bewegung wahrzunehmen.

Dabei müssen wir zunächst nichts verändern. Wir müssen unseren Namen nicht ablegen, unser Ich nicht überwinden und unsere Geschichte nicht zurückweisen. Die phänomenologische Haltung beginnt bescheidener: Wir wenden uns dem zu, was erscheint.

Was geschieht in mir, wenn mein Name ausgesprochen wird?

Welche Empfindung zeigt sich im Körper?

Welche Erinnerung tritt hervor?

Welche Rolle nehme ich beinahe automatisch ein?

Welcher Gedanke behauptet, dass ich so und nicht anders sei?

Wir versuchen nicht, uns vorschnell zu erklären. Wir bleiben für einen Moment vor der Deutung. Nicht weil Deutungen grundsätzlich falsch wären, sondern weil sie häufig so schnell einsetzen, dass wir die ursprüngliche Erfahrung kaum noch bemerken.

Vielleicht ist da zuerst nur ein Druck im Brustraum, ein kaum wahrnehmbares Zurückweichen oder eine Bewegung hin zu einem anderen Menschen. Erst danach entstehen die Erzählungen darüber.

Phänomenologisch zu betrachten bedeutet, dem Erscheinenden Zeit zu geben, bevor wir es in Bekanntes einordnen. Wir lauschen der Erfahrung, ohne sie sofort unserem bisherigen Namen zu unterstellen.

In diesem Lauschen kann etwas sichtbar werden: Was ich wahrnehme, bin ich nicht ausschließlich: Ich kann einen Gedanken über mich bemerken. Ich kann ein Gefühl wahrnehmen. Ich kann erkennen, wie eine alte Rolle in mir erwacht. Selbst mein vertrautes Ichbild kann mir als Erscheinung bewusst werden. Doch wer oder was nimmt dies wahr?

Bewusstsein lässt sich nicht festhalten

Sobald wir diese Frage stellen, geraten wir an eine Grenze der Sprache.

Wir können sagen: „Ich nehme wahr.“ Doch dieses Ich ist nicht mehr ganz dasselbe Ich, das wir mit unserer Geschichte, unseren Rollen und Eigenschaften verbinden. Es ist weniger eine beschreibbare Person als die Offenheit, in der eine Erfahrung erscheint.

Vielleicht nennen wir diese Offenheit Bewusstsein.

Doch auch dieser Begriff bleibt eine Bezeichnung. Er weist auf etwas hin, das wir erfahren können, ohne es vollständig zu besitzen. Sobald wir sagen: „Ich bin Bewusstsein“, besteht die Gefahr, aus einer unmittelbaren Erfahrung eine neue Identität zu machen. Dann hätte unser Name lediglich ein geistigeres Selbstbild erhalten.

Bewusstsein ist jedoch kein Gegenstand, den wir betrachten könnten wie einen Körper oder einen Gedanken. Es ist vielmehr das, worin Körperempfindung, Gedanke, Erinnerung und Name überhaupt erst erscheinen.

Wir können es nicht vor uns stellen, weil wir niemals außerhalb davon stehen.

Hier berührt die Meditation das META-Physische: nicht indem sie Behauptungen über eine jenseitige Welt aufstellt, sondern indem sie uns an jene Schwelle führt, an der das sinnlich und psychisch Erscheinende auf etwas verweist, das selbst nicht in Erscheinung tritt.

Das META-Physische liegt dann nicht fernab unseres Lebens. Es zeigt sich mitten in der Erfahrung – als das, was in allem Wandel gegenwärtig ist, ohne selbst als feste Form zu erscheinen.

Wir sehen den Gedanken, aber nicht das Bewusstsein, in dem er erscheint. Wir hören unseren Namen, aber nicht die Stille, aus der sein Klang hervortritt und in die er zurückkehrt.

Und dennoch ist diese Stille nicht nichts. Sie ist offen und weit – und lässt die Formen erscheinen.

Wenn die Form durchlässig wird

In der Meditation kann unser Name für eine Weile zurücktreten.

Wir sitzen da, atmen und nehmen wahr. Für diesen Augenblick müssen wir niemand Bestimmtes sein. Wir müssen weder unsere Geschichte erzählen noch unsere Bedeutung bestätigen.  Dabei geht unser Name nicht verloren, doch wir benötigen ihn gerade nicht.

Wir sind sozusagen anwesend, bevor wir uns beschreiben.

Das kann zunächst ungewohnt sein. Denn unser Ich hat gelernt, sich über Unterscheidung, Zugehörigkeit und Wiedererkennbarkeit zu stabilisieren. Wenn diese vertrauten Bezugspunkte stiller werden, kann Leere entstehen. Doch vielleicht ist diese Leere nicht das Fehlen von Sein. Vielleicht ist sie ein offener Raum, in dem das Sein nicht auf eine bestimmte Form begrenzt bleibt.

Unser Name wird dadurch nicht bedeutungslos. Er wird durchlässig.

Wir tragen ihn weiterhin. Antworten, wenn wir gerufen werden. Stehen für unsere Handlungen ein und achten die Geschichte, die mit uns verbunden ist. Aber wir wissen zugleich, dass keine Geschichte, keine Rolle und kein Bild unser Sein vollständig erfassen kann.

Durchlässigkeit bedeutet nicht, weniger persönlich zu werden. Vielleicht werden wir wirklicher. Wir müssen nicht mehr so viel Kraft darauf verwenden, eine festgelegte Person aufrechtzuerhalten. Wir können unmittelbarer auf das antworten, was das Leben in diesem Augenblick von uns verlangt.

Wenn aus dem Namen ein gelebtes Leben wird

bleibt der Name, die Form – aber er wird nicht mehr zum Gefängnis.

Zu Beginn wurde uns ein Name gegeben, dessen Inhalt noch offen war. Dann begann sich das Leben in ihn einzuschreiben. Wir haben geliebt und zurückgewiesen. Wir wurden verletzt und haben verletzt. Wir haben Entscheidungen getroffen, Wege verlassen, neu begonnen und manches nicht vollendet. Unser Name trägt die Spuren all dessen.

Irgendwann kann deshalb aus der zunächst leeren Form ein Inhalt werden. Nicht als endgültige Definition, sondern als Verkörperung eines gelebten Lebens.

Ein Name bekommt einen Klang, der über seine Buchstaben hinausgeht. Wenn wir den Namen eines vertrauten Menschen hören, erinnern wir uns vielleicht an seine Art zu schweigen, an eine bestimmte Bewegung seiner Hände, an seinen Blick oder an die Weise, wie wir uns in seiner Gegenwart gefühlt haben.

Der Name ist dann mit Sein angefüllt.

Der Name kann das Wesen eines Menschen niemals vollständig erfassen. Doch etwas von diesem Wesen kann sich durch ein gelebtes Leben hindurch zeigen. Das Unsichtbare findet in einer endlichen Gestalt einen Ausdruck – und diese Gestalt trägt einen Namen.

Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn unserer Individualität. Das Namenlose bleibt nicht jenseits der Form. Es tritt in die Form ein. Es wird zu diesem Körper, dieser Stimme, dieser Biografie. Es erfährt Welt aus einer einmaligen Perspektive.

Das Universelle und das Persönliche stehen sich dann nicht mehr gegenüber. Was zuvor als Gegensatz erschien, findet zusammen: in der körperlichen Form, im Ausdruck des Geistes, in den Bewegungen des Verstandes. Das Universelle erscheint gewissermaßen durch das Persönliche hindurch.

Und vielleicht geschieht dann etwas von dem, was wir gemeinhin einen heiligen Moment nennen. Ein neugeborenes Kind lässt uns vielleicht etwas von diesem Namenlosen ahnen. Es ist vollkommen dieses eine, unverwechselbare Wesen – und zugleich scheint etwas durch es hindurch, das weit über seine Person hinausreicht. Vielleicht ist es genau das, was uns auf so unmittelbare, ja beinahe magische Weise berührt.

Als der Name zu einer Erinnerung wurde

Während meiner Meditationsjahre erhielt ich einen Meditationsnamen.

Solche Namen wurden damals an Menschen vergeben, die darum baten, Schüler werden zu dürfen. Diese Namen sollten die bisherige Person nicht einfach umbenennen, sondern auf etwas verweisen, das noch keine feste Form hatte.

Mit meinem Namen war ich zunächst nicht einverstanden. Er erschien mir zu schlicht, und ich trug ihn eher halbherzig. Irgendwann erhielt ich deshalb die Aufgabe, ihn nicht nur im Ashram, sondern auch außerhalb zu benutzen. Zugleich wurde ich gebeten, den Ashram zu verlassen und wieder in das gesellschaftliche Leben einzutreten.

Damit wurde aus einer spirituellen Idee eine konkrete Erfahrung. In den Jahren zwischen 1980 und 1990 blieb ein solcher Name im Alltag nicht unbemerkt. Jedes Vorstellen und jedes Gerufenwerden unterbrach etwas Gewohntes. Immer wieder stand unausgesprochen die Frage im Raum: Wer ist das eigentlich, der da gerufen wird?

Mit der Zeit veränderte sich meine Beziehung zu diesem Namen. Mukti war nicht länger ein fremdes Wort. Der Name wurde durch mein Leben mit Inhalt erfüllt, und zugleich begann sich etwas von dem zu verkörpern, worauf er verwies. Vielleicht lag seine Kraft gerade darin, dass er sich nicht einfach in mein bisheriges Selbstbild einfügen ließ.

Im Jahr 2001 gab ich den Namen zurück – dorthin, woher er gekommen war: in das Namenlose. Nicht aus Ablehnung. Seine Aufgabe war erfüllt. Auch ein spiritueller Name kann zu einer Identität werden, an der wir festhalten.

Dann begann Marion wieder in mir wirksam zu werden – jedoch ohne wieder die frühere Marion zu sein. Ich konnte diesen Namen tragen, ohne mich vollständig mit der Person zu identifizieren, die ich mit ihm verband.

Vielleicht führte mich Mukti deshalb nicht fort von Marion. Der Name führte mich durch die Erfahrung des Benanntseins hindurch. Am Ende blieb ein Name, den das Leben braucht – und das Namenlose, das durch ihn hindurch wirksam werden kann.

Nicht zurück, sondern hindurch

Am Anfang unseres Lebens sind wir namenlos, ohne davon zu wissen. Wir besitzen noch keine Vorstellung von uns selbst. 

Deshalb können wir auch nicht bewusst frei von ihr sein. Diese erste Namenlosigkeit ist unschuldig und völlig unbewusst. Dann treten wir in die Welt der Formen ein. Wir erhalten einen Namen, entwickeln ein Ich und werden zu jemandem. Wir erfahren Trennung und Zugehörigkeit, Anerkennung und Zurückweisung. Wir übernehmen Aufgaben, tragen Verantwortung und geben unserem Leben eine Gestalt.

Dieser Weg ist kein Irrtum. Wir müssen nicht aus dem Namen heraus, bevor wir wirklich in ihm angekommen sind. Ein Ich, das nie genügend Gestalt gewinnen durfte, kann sich nicht einfach transzendieren. Was nicht verkörpert wurde, lässt sich auch nicht auf reife Weise loslassen.

Vielleicht besteht Bewusstseinsentwicklung deshalb nicht darin, hinter unsere Individualität zurückzukehren. Es geht nicht darum, wieder so zu werden wie vor unserem Ich. Das gelebte Leben soll nicht ausgelöscht werden.

Die Bewegung führt vielmehr hindurch.

Durch den Namen. Durch die Geschichte. Durch unsere Bindungen und Verletzungen. Durch das Menschsein in seiner Schönheit und Begrenztheit. Erst dann kann der Name wieder durchlässig für das Namenlose werden.

Wir tragen unsere Form, ohne sie für das Ganze zu halten. Wir sind jemand, ohne uns vom Sein getrennt zu wissen. Wir können „Ich“ sagen, ohne zu vergessen, dass dieses Ich aus einem Grund hervortritt, den es nicht selbst erschaffen hat.

Vielleicht ist das die zweite Unschuld des Menschen.

Sie ist nicht mehr die unbewusste Offenheit des Kindes. Sie ist eine durch Erfahrung hindurch gereifte Offenheit. Sie kennt die Form und haftet dennoch nicht vollständig an ihr. Sie weiß um das Vergehen und wendet sich dem Leben gerade deshalb zu.

Rückkehr in die Essenz

Vielleicht kehrt das Bewusstsein am Ende dorthin zurück, woher es gekommen ist.

Doch selbst das Wort „zurückkehren“ ist möglicherweise zu räumlich gedacht. Vielleicht war das, wohin wir zurückzukehren glauben, niemals von uns getrennt. Vielleicht haben wir es nur aus den Augen verloren, weil unsere Aufmerksamkeit ganz von der Form, der Geschichte und dem Namen gebunden war.

So wie ein Stern aus der Weite hervortritt, Gestalt annimmt, leuchtet und vergeht, so treten auch wir nur für eine begrenzte Zeit in Erscheinung.

Wir werden geboren, erhalten einen Namen und bewohnen diese besondere Form. Wir erfahren Nähe und Einsamkeit, Werden und Verlust. Für eine Weile leuchtet das Sein als dieses eine Leben.

Wenn die Form vergeht, war ihr Leuchten deshalb nicht vergeblich. Es kehrt nicht einfach ins Nichts zurück. Vielleicht fällt es in jene ungeteilte Wirklichkeit zurück, aus der es hervorgetreten ist – wie ein Ton, der in die Stille zurückkehrt, ohne dass die Stille jemals außerhalb des Tones gewesen wäre.

Wäre diese Wirklichkeit nicht das, was wir in einem tieferen Sinn Liebe nennen könnten?

Nicht Liebe allein als Gefühl zwischen zwei Menschen. Nicht als Sehnsucht, Besitz oder Versprechen. Sondern als Essenz: als eine alles tragende Offenheit, in der Entstehen und Vergehen geschehen dürfen. Eine Liebe, die nichts festhalten muss, weil nichts aus ihr herausfallen kann.

Dann wäre unser Name kein Gegensatz zum Namenlosen. Er wäre eine seiner vorübergehenden Gestalten.

Für eine begrenzte Zeit wird in unserem Gedankenspiel das Namenlose ansprechbar. Es bekommt ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte. Es wird berührbar und verletzlich. Es sagt „Ich“ und begegnet einem „Du“. Es liebt in einer endlichen Form.

Und irgendwann wird diese Form wieder still.

Aus dem Namenlosen tritt ein Name.

Aus dem Sein wird ein Jemand.

Aus dem Jemand entsteht ein gelebtes Leben.

Und irgendwann wird der Jemand wieder durchlässig für das Namenlose.

Nicht zurück. Sondern hindurch.

Erinnerung

Als ich Eure Namen rief wusste ich manchmal nicht was oder wen ich tatsächlich rief… doch heute sehe ich in Euren Namen auch das Namenlose. 

Moritz; das sanftmütig Wissende

Felix; das Glück tragende 

Immanuel; das loyale Herz

Moses; das verloren Geglaubte 

 

für meine Enkel; denn Eure Namen rufe ich:

Iona, Oskar und Benjamin

© 2026 Marion Hötzel · ZENtrum Mondsee – Schule für Meditation & Bewusstsein

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